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20.10.2009 12:38:35Druckansicht

Mehr als eine Handvoll Dollars…

Die Welt braucht angesichts der vielen globalen Probleme aus der Wirtschafts- und Finanzkrise einen Wandel. Die Welt erwarte, so US-Präsident Obama kürzlich in New York vor der UN-Vollversammlung, dass die USA dabei die Führung übernähmen. Das war bislang in Krisensituationen häufig so. Doch dieses Mal könnte es schwerer werden. Inzwischen hat Barack Obama nicht nur außenpolitisch arg zu kämpfen, sondern ihm schlägt auch in der Innenpolitik ein harter Wind entgegen. Besonders deutlich zeigt sich das in New York. Schaut man nämlich hinter die Glitzerfassade Manhattans, merkt man schnell: In Amerika ist die Krise noch lange nicht vorbei. Wie ernst die Lage wirklich ist, recherchierte die Wirtschaftsjournalistin Beatrix Boutonnet vor Ort.

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“If you make it there, you can make it anywhere…” sang Liza Minelli einst am Broadway. Wer es in New York schafft, schafft es überall auf der Welt. Das mag stimmen, galt New York doch immer schon als hartes Pflaster. Doch seit der Krise hat sich vieles noch ver-schlimmert. Um das zu erkennen, muss man allerdings hinter die glitzernde Fassade von Manhattan blicken und sich auch in ein paar andere Stadtviertel jenseits von Bergdorf Good-man, der Gucci-Filiale und dem Plaza am vornehmen Central Park begeben – mit der U-Bahn ist das auch in Big-Apple kein all zu kompliziertes, dafür umso lehrreicheres Unterfangen. Das stark anwachsende Chinatown, Little Italy, Queens und die Bronx zeigen ein anderes Bild.

Auf den ersten Blick jedoch ist in Downtown alles beim Alten. New York pulsiert wie eh und je. Am Times Square ist auch kurz nach Mitternacht immer noch die Hölle los: meterhohe, blinkende Anzeigetafeln, wohin das Auge reicht, dröhnende Musik aus allen Geschäften und Restaurants, dazwischen das unvermeidliche Gehupe der New Yorker Taxifahrer. Fröhliche Touristenhorden schieben sich in dicken Trauben durch Straßenfluchten. Sie vergnügen sich und sind dank des noch günstigen Dollars im Shopping-Fieber der 24/24 Hours-Stadt.

Wie tough die Situation tatsächlich ist, zeigen wieder einmal die Zahlen: Der Finanzsektor generiert fast ein Viertel aller Gehälter in New York und 27 Prozent der Steuereinnahmen in Big Apple. Das kleinste Zucken in der Wall Street breitet sich also gleich einem Erdbeben schnell auch auf andere Sektoren wie die Restaurants, den Einzelhandel, die Immobilienbranche und den gesamten Dienstleistungssektor aus. Allein durch die aus-bleibenden Boni-Zahlungen leidet der kommunale Haushalt New Yorks erheblich. Pro einer Milliarde Dollar Boni, kassiert New York rund 20 Millionen Dollar Steuern. Das machte im Vorkrisenjahr 2007 bei geschätzten 30 Milliarden Dollar runde 600 Millionen Dollar für das Stadtsäckl, die nun teilweise fehlen. Auch der Büro-Immobilienmarkt ist schwach. Wo im Februar 2007 noch Deals im Wert von 10,3 Milliarden Dollar getätigt wurden, waren es elf Monate später, im Januar 2008, nur noch 612 Millionen Dollar. Seit Dezember, meldet der "New York Observer" kaum noch Großtransaktionen. Auch das auf US-Immobilien spezialisierte Emissionshaus US-Treuhand sieht am Büromarkt noch keine Erholung. Positiver dagegen schätzt Geschäftsführer Lothar Estein den Wohnungsmarkt ein. New Yorks Luxus-Immobilienmarkt brach tatsächlich dank der Auslandsinvestoren, die den günstigen Dollarkurs nutzten, nicht allzu sehr ein. Doch auch hier verlängerten sich die Transakti-onszeiten.

Und dennoch soll im Stadtleben von der Krise keine Spur zu sehen sein? Begeben wir uns also ins Zentrum der Finanzkrise: Der Wall Street. Es ist zwölf Uhr Mittag. Doch von Hektik ist dieses Mal in der sowieso erstaunlich kleinen und dunklen Straße nichts zu spüren. Touristen lauschen aufmerksam ihren Guides, die erklären, wo George Washington seine Reden hielt und wo die Banker in der Wirtschaftskrise 1929 aus den Häusern gesprungen sind. Augenscheinlicher wird die Krise in den Restaurants. In den traditionell stark frequentierten Essenstempel rund um das Epizenturm der Finanzmacht, sind dieses Jahr die Tische wie leergefegt. Noch vor wenigen Monaten, so der Verkäufer am Zeitungskiosk, wäre es undenkbar gewesen ohne Reservierung einen Tisch zu bekommen. Auch Ron, ein Banker, der mit mir auf einer Parkbank saß und am nahe gelegenen Battery Park sein mitgebrachtes Lunchpaket verzehrte, war früher oft dort. Er überlegte nicht, wenn er sich mittags ein Steak für schlappe 40 US-Dollar – Beilagen exklusive, bestellte. Inzwischen schon, deshalb sitzt er zur Mittagszeit nun öfters im Park. Den wirklich schönen Blick auf die Freiheitsstatue auf Ellis Island gibt’s gratis dazu. Er ist eigentlich kein Pessimist. Er hat schon viele Krisen kommen und gehen sehen. Auch die Rezession nahm er anfangs noch gelassen. Er ging wie New York selbst von einem kurzen und milden Verlauf aus. Doch auch er hat sich geirrt. Inzwischen steigt die Arbeitslosenquote. Die ehemaligen Gutverdienenden können oft noch auf Ersparnisse zurückgreifen, einfache Angestellte und Arbeiter, die ihren Job verlieren, dagegen rutschen schnell ab in die Armut. "Keiner hat so etwas je erlebt", erzählt Eliza. Sie arbeitet in einem kleinen Coffee-Shop unweit der noblen Fifth Avenue. Sie beginnt um acht und wenn sie um 17 Uhr Schichtwechsel hat, muss sie sich beeilen, um zu ihrem zweiten Job zu kommen. "Wenn man mich vor einem Jahr gefragt hätte, wie schlimm es sei, hätte ich gesagt: Schlimm, aber es wird vorbeigehen. Jetzt aber weiß ich: Es ist wirklich sehr ernst."

Nicht nur Eliza hat Probleme. Für viele New Yorker ist das Leben deutlich schwieriger geworden. Auch bei hoch bezahlten Jobs. Zwar hält sich das Mitleid in Grenzen, wenn Manager kund tun, dass für sie ein Leben mit einer Gehaltsdeckelung auf 500.000 Dollar im Jahr in New York kaum zu realisieren ist, dennoch haben sie recht. Gut verdienende Finanzjongleure brachten es laut New York Times mit ihren Boni locker auf zwei bis drei Millionen Dollar im Jahr. Würden sie nur noch 500.000 Dollar verdienen, wäre ihr bisheriges Leben so nicht mehr möglich. Sämtliche Steuern und sonstigen Gebühren abgerechnet, blieben ihnen jährlich knapp 300.000 Dollar. Eigentlich ein auskömmlicher Betrag für ein Paar mit zwei Kindern. Doch New York ist teuer. Ein Vierzimmer-Apartment in guter Lage kostet schnell monatlich 8.000 Dollar. Die Instandhaltung schlägt mit ebenso viel zu Buche. Das ergibt bereits 192′000 Dollar pro Jahr. Dazu kommen Privatschulen für die Kinder, Kindermädchen, Haushaltshilfe, Auto. Schnell summieren sich die Ausgaben auf rund 800.000 Dollar, so die Zeitung. Um so viel Geld zur Verfügung zu haben, müsste man in New York aber mindestens 1,6 Millionen Dollar verdienen. Diese hohen Saläre aber nehmen ab, denn Aufträge und Projekte werden vertagt, Firmen und Privatleute warten mit Investitionen.

Nicht verwunderlich daher ist, dass sich neben den glitzernden Broadway-Plakaten, die die aktuellsten Shows ankündigen, zunehmend auch kritische Plakate finden, die Präsident Obamas liberalen Kurs kritisieren. Noch erschreckender: Mitten drin im eleganten Vergnügungsviertel steht ein Tapeziertisch, an dem Freiwillige Helfer mit Sandwichs, Keksen und Lebensmittelspenden den wirklich Bedürftigen unbürokratisch und vor allem sofort helfen. Der Andrang ist groß. So schnell, wie manche Politiker, TV und Presse den Aufschwung mantra-artig heraufbeschwören wollen, wird er angesichts solcher Szenen, daher wohl nicht kommen. In den USA könnte, so auch die kritischeren Wirtschaftsexperten, das Wachstum des privaten Konsums über Jahre hinaus unterdurchschnittlich bleiben, weil die privaten Haushalte daran sind, ihre übermäßige Verschuldung abzubauen, und daher ihre niedrige Sparquote erhöhen dürften. Derzeit sind es vor allem die üppigen staatliche Konjunkturpakete für eine leichte Aufschwungphase. Doch sie währen nicht ewig. Zudem muss das Gesundheitssystem reformiert werden. Das wird teuer werden. 47 Millionen Amerikaner, das ist fast jeder sechste, sind nicht krankenversichert. Doch Konservative boykottieren Obamas ehrgeizigen Plan, an dem bereits die Regierung Clinton scheiterte. Kein einziger Republikaner hat die Seiten gewechselt, um seine Gesundheitsreform zu unterstützen. Mit dem fadenscheinigen Argument, der Staat würde durch eine gesetzliche Versicherungspflicht in die Rechte des Einzelnen eingreifen, boykottieren sie den Ansatz. Ihre Angst liegt ganz woanders – nicht in der Freiheit des Einzelnen, sondern ganz nah an ihrem Portemonnaie. Müssten nämlich alle Amerikaner versichert sein, griffe das Solidari-tätsprinzip. Besserverdienende müssten für die Ärmeren mitbezahlen. Das will man offensichtlich nicht, sind das doch gerade die Bevölkerungsgruppen, die jetzt am häufigsten nicht versichert sind. Hält die Krise an, könnten Diebstahl, Drogen- und Alkoholmissbrauch wieder auf dem Vormarsch sein. In vielen Fällen haben die Menschen wenig Hoffnung auf Hilfe: Auf ein soziales Auffangnetz können sich die Ärmsten in den USA nicht verlassen. Da die Regierungen der Reichen viel Geld ausgibt, um die Bankensysteme vor dem Kollaps zu bewahren, bleibt für die Armen nicht mehr viel übrig. Eine Hand voll Dollars reichen jedenfalls dafür nicht mehr.

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